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Retro! Retro!


Es sieht aus, als würde sich kulturell nix mehr tun. Die Musikindustrie kocht weiter die größten Hits der 60er, 70er und 80er aus, obwohl sich jeglicher Geschmack längst verflüchtigt hat. Und die Helden der Subkultur von damals versuchen jetzt ein wenig Bares aus den wilden Zeiten ihrer Jugend zu schlagen, Blixa Bargeld als Dozent für deutsche Dichtkunst, Jörg Buttgereit mit Arbeiten am Theater und Peter Hein singt auch wieder bei Fehlfarben, nachdem er bei Rank Xerox seinen Brotjob verloren hat. Oben auf dieser Welle schwimmt gerade Rocko Schamoni seit der Verfilmung von Dorfpunks. Was früher das große Kotzen auf die bürgerliche Kultur war, ist heute Unterhaltung für die ganze Familie.

Ehrlichgesagt profitieren wir auch von dieser Situation. So wie man uns früher ignorierte oder als Schmuddelkinder belächelte, so möchte man sich heute schon mal mit echtem Chaos schmücken. Damals wurden uns beim Filmen einige Filmkassetten von der Polizei beschlagnahmt. Heute ist die Lokalpresse plötzlich extrem wohlwollend und nun ist es das wohl richtige Kultur was wir machen. Aufnahme in die Jury des Backup Festivals, Zusammenarbeit mit den städtischen Bühnen, eine Einladung zum Geschichtsforum in Berlin (von Bundeszentrale für Politischen Bildung und der Kulturstiftung des Bundes) und der Wunsch des Landesarchivs Schleswig-Holsteins unseren HÄUSERFILM zu archivieren zeigt, wo wir gelandet sind.

Aber nur unangenehm ist das sicherlich nicht. Der HÄUSERFILM brachte den bisher größten Publikumsansturm auf das Kommunale Kino Kiels. Es gibt ein ehrliches Interesse an den unruhigen Zeiten. Nach den unsäglichen aktuellen Umdeutungen der 68er Bewegung in den Medien freuen wir uns darüber, daß wir der politischen Interpretation der Bewegung der frühen 80er dem Mainstream zuvorkommen.

Aufregender waren unsere Erlebnisse jenseits der Landesgrenzen. Schließlich hatten wir nie geahnt den Kieler Hausbesetzerfilm eines Tages in China zu zeigen oder Veranstaltungen in einem Undergroundkino in einem Hochhaus in Minsk zu machen



Aktuelle Ergänzung

Es ist nicht verwunderlich, wenn in diesen Zeiten jeder versucht aus allem irgendwie Geld zu machen. Wie soll man denn "independent" sein, wenn man abhängig ist vom Geld, das ja irgendwoher kommen muß. Die Zeiten eines ökonomisch gesicherten Lebens ist für die meisten vorbei. Da kann man Menschen nicht vorwerfen, sie würden sich verkaufen. Es gibt trotzdem ein paar Leute, die jenseits okonomischer Interessen arbeiten. Unsere Mglichkeiten solchen Leuten zu helfen sind begrenzt. Wir sehen jedoch, daß die Möglichkeiten schwinden unabhängige Produktionen zu zeigen. Auch kommunale Kinos fürchten finazielle Flops zu sehr, als daß sie noch ein Risiko eingehen würden.

Bei allem Verständnis für äussere Zwänge.... Wir sind angewidert von einem großen Teil der jungen Filmszene. Es geht weniger darum etwas sagen oder ausdrücken zu wollen, es geht eher darum zu der tollen Medienszene dazuzugehören. Man will sich mit Arri-Basecap, mit Dolly, Schienen und einer hektisch umherschwirrenden Crew schmücken. Das Zitieren aus Hollywoodproduktion gilt als besonders cool, denn hier erkennt man, wer dazugehört und wer nicht. Erbärmliche Möchtegerntarantinos!!!

Sorry, auch wenn keinen goldenen Pfad kennen, das Mitlaufen ekelt uns an. Wir haben nun einige Jahre unserer Zeit und Kraft investiert darin unseren Lebensunterhalt zu bestreiten, Filmveranstaltungen für andere zu organisieren und gelegentlich aus diesem Land herauszukommen, doch ist das Filmemachen dabei auf der Strecke geblieben. Das soll sich wieder ändern. Wir suchen Mitstreiter dafür.





 
 
  
filmgruppe chaos